IHS Hessen

Stellungnahme zur geplanten Verkürzung der Lehrkräfteausbildung

Sehr geehrter Herr Minister Schwarz,

als hessische Schulleitungen beobachten wir die aktuellen Gespräche zur möglichen Verkürzung des Vorbereitungsdienstes mit großer Sorge. Wir sind diejenigen, die an unseren Schulen täglich erleben, was eine gute oder unzureichende Ausbildung junger Lehrkräfte für den Unterricht, das Kollegium und die Schülerinnen und Schüler bedeutet.

Vor diesem Hintergrund bewerten wir die vorgeschlagene Reduktion von 21 auf 18 Monate nicht allein als zeitliche Verkürzung, sondern als Eingriff in ein komplexes Ausbildungssystem, dessen innere Logik bislang nicht ausreichend erläutert wird. Eine Verkürzung ist aus unserer Sicht nicht grundsätzlich abzulehnen, sofern nachvollziehbar dargelegt wird, warum sie erfolgt und wie sie sich in ein schlüssiges Gesamtkonzept der Lehrkräftebildung einfügt. Genau diese konzeptionelle Begründung bleibt derzeit jedoch offen.

Es ist aus unserer Sicht nicht weniger, sondern mehr Zeit zur Professionalisierung notwendig. Denn gerade angesichts wachsender pädagogischer Anforderungen brauchen junge Lehrkräfte genügend Raum, um Erfahrungen unter Begleitung zu sammeln, Sicherheit zu entwickeln und in ihrem Beruf anzukommen.

Dabei halten wir es für verkürzt, den Vorbereitungsdienst ausschließlich über seine Dauer zu bewerten. Entscheidend ist vielmehr, ob Ausbildung und Berufsrealität noch hinreichend aufeinander bezogen sind. Aus unserer Sicht ist der Vorbereitungsdienst in seiner gegenwärtigen Form nicht mehr durchgängig passgenau für die Anforderungen, denen Lehrkräfte heute begegnen – und dies gilt in besonderem Maße für den Bereich der Förderschulen.

Ebenso wichtig ist uns als Schulleitungen der Hinweis, dass Unterrichtsbesuche ein tragender Baustein der Ausbildung sind. Sie dienen nicht der Kontrolle, sondern der Entwicklung. Wir wissen aus unserer täglichen Praxis, wie sehr Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst von gezielten Rückmeldungen profitieren – und wie entscheidend diese für die Vorbereitung auf Prüfungslehrproben und den späteren eigenverantwortlichen Unterricht sind.

Gleichzeitig zeigt sich insbesondere im Förderschulbereich, dass professionelle Handlungssicherheit nicht allein über klassische Unterrichtssettings erworben wird. Lehrkräfte in Beratungs- und Förderzentren arbeiten zunehmend in Kontexten, in denen Beratung, Kooperation mit außerschulischen Partnern und die Arbeit in multiprofessionellen Teams eine zentrale Rolle spielen. Diese Realität spiegelt sich bislang nur unzureichend in der Struktur und Schwerpunktsetzung des Vorbereitungsdienstes wider.

Eine Reduzierung dieser Begleitung führt eherdazu, dass Lernprozesse weniger sichtbar werden und Unsicherheiten im Berufsstart zunehmen. Am Ende sind es die Schulen, die diese Lücken auffangen müssen.

Besonders kritisch sehen wir, dass zentrale professionelle Kompetenzen wie pädagogische Beziehungsgestaltung, Gruppendynamik, soziale Interaktion sowie die bewusste Gestaltung von Lern- und Arbeitsgruppen bislang keinen systematischen Stellenwert in der Ausbildung einnehmen. Dabei zeigen sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse als auch schulische Praxis, dass Lernen wesentlich auf tragfähigen Beziehungen, emotionaler Sicherheit und stabilen Gruppenprozessen basiert. Lehrkräfte aller Schulformen arbeiten ihr gesamtes Berufsleben in sozialen Systemen – diese Dimension professionellen Handelns darf nicht als beiläufige Nebenfolge der Ausbildung verstanden werden.

Die Betreuungsrelation ist ein weiterer Punkt, der aus Schulleitungsperspektive zentral ist. Wenn Ausbilderinnen und Ausbilder künftig mehr Lehrkräfte gleichzeitig begleiten müssen, sinkt die Qualität der individuellen Unterstützung – und genau diese individuelle Unterstützung ist für einen gelingenden Berufseinstieg unverzichtbar. Wir erleben immer wieder, wie stark die ersten Berufsjahre von der Qualität des Vorbereitungsdienstes abhängen. Abbrüche von 5 bis 10 Prozent im Vorbereitungsdienstund hohe Studienabbruchquoten zeigen, wie herausfordernd der Weg in den Lehrberuf bereits jetzt ist.

Mit großer Irritation nehmen wir zudem die Einstellungs- und Beförderungsstopps in der Lehrkräfteakademie und den Studienseminaren wahr. Sie treffen genau jene Personen, die maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass junge Lehrkräfte fundiert und motiviert in den Beruf starten. Für die Schulen bedeutet dies ganz konkret: weniger qualifiziertes Ausbildungspersonal, weniger Kontinuität und eine Schwächung jener Strukturen, auf die wir im Alltag dringend angewiesen sind.

Eine anspruchsvolle Lehrkräfteausbildung benötigt nicht nur ausreichend Zeit, sondern vor allem ein klares professionsbezogenes Profil. Universitäre Praxisphasen können diese Phase nicht ersetzen, sie können den Vorbereitungsdienst jedoch sinnvoll ergänzen – vorausgesetzt, alle Phasen der Ausbildung folgen einer gemeinsamen Vorstellung davon, was professionelle pädagogische Arbeit unter heutigen Bedingungen ausmacht.

Als Schulleitungen wissen wir: Am Ende zählt, was in den Schulen passiert. Und dort zeigt sich sehr deutlich, dass Kürzungen in der Ausbildung und Weiterbildung keine Lösung für den Lehrkräftemangel sind. Sie führen vielmehr zu höherer Belastung der Kollegien, zu mehr Unsicherheiten im Berufsstart und zu einer Verschlechterung der Unterrichtsqualität – all das trifft unmittelbar die Schulen, die wir leiten, und vor allem die Schülerinnen und Schüler, die auf professionelle Begleitung angewiesen sind.

Wir appellieren daher eindringlich: Die Debatte um den Vorbereitungsdienst darf nicht auf eine reine Zeitfrage verengt werden. Notwendig ist eine inhaltliche und strukturelle Weiterentwicklung der Lehrkräfteausbildung insgesamt, denn so könnte eine Ausbildung entstehen, die den realen Anforderungen moderner Schulen gerecht wird und junge Lehrkräfte nachhaltig auf ihren Beruf vorbereitet.

Mit freundlichen Grüßen

Andreas Leibold

Landesvorsitzender IHS

Gelnhausen, den 12.12.25